Wenn Träume wahr werden 

Beirut, Frühjahr 2008: Libanon befindet sich wieder einmal in einer schlimmen politischen Krise. Für Soha und Emile ist das leider nichts Neues. Kurz vor dem Krieg geboren und während des Krieges aufgewachsen, war ihr ganzes Leben von immer wiederkehrenden Krisen geprägt. Die jüngsten Ereignisse sind dabei nur ein weiteres Kapitel.

Die tiefen Wunden in dem kleinen Land am Mittelmeer werden kaum heilen, solange die Machthaber sich weigern, die traurige Geschichte des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 aufzuarbeiten. Über 100.000 Menschen kamen während dieser Zeit ums Leben, rund 17.000 verschwanden spurlos. Die damaligen Kriegsherren sind zu einem großen Teil weiterhin an der Macht. Kaum einer wurde für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen. Für die Opfer gab und gibt es weder Recht noch Genugtuung. Auch Soha und Emile gehören zu ihnen. Ihr gemeinsames Leben wurde von den letzten Kriegsjahren entscheidend geprägt. An Weihnachten 1988, zwei Jahre vor dem offiziellen Ende des Krieges, wollte sich das junge Paar das Ja-Wort geben. Doch dann kam alles anders.

 

Soha und Emile lernten sich im April 1986 kennen. Soha war damals gerade mal fünfzehneinhalb Jahre alt, Emile bereits 21 und Student an der Universität in Beirut. In der libanesischen Hauptstadt und deren Umgebung fanden auch in diesem Jahr fast ununterbrochen Kämpfe zwischen verschiedenen verfeindeten Fraktionen statt. Autobomben gehörten zum Alltag, die Bevölkerung war terrorisiert. Sohas Leben spielte sich zwischen dem christlichen Beiruter Quartier Aschrafieh und dem rund zehn Kilometer entfernten Vorort Jounieh ab. Jeden Morgen fuhr sie nach Aschrafieh in die Schule und kehrte am Nachmittag wieder nach Jounieh zurück.

Inmitten dieser Kriegswirren und trotz des Altersunterschieds verliebten sich Soha und Emile Hals über Kopf ineinander.

Soha: „Ich getraute meinem Vater lange nichts zu sagen. Irgendwie schämte ich mich fast ein bisschen. Mein Vater war sehr seriös in diesen Dingen und wollte für seine Tochter nur eine Beziehung zulassen, welche auch in eine Heirat mündete.

Eines Tages bat Emile um eine Unterredung mit meinem Vater. Dieser traute seinen Ohren nicht, als Emile bei ihm um meine Hand anhielt. ‚Was willst du hier?‘, war seine erste Reaktion. ‚Ich habe keine Tochter im heiratsfähigen Alter, meine Älteste ist erst 15 Jahre alt.‘

Aber Emile war damals schon ein sehr höflicher, galanter junger Mann, sodass mein Vater schließlich in die Verlobung einwilligte; jedoch nur unter der Bedingung, dass ich in den nächsten zweieinhalb Jahren zuerst die Schule abschließen sollte, bevor wir uns verheiraten konnten.

Niemand konnte es glauben. Doch wir beide waren uns sicher, dass wir für einander bestimmt waren.“

Die zwei Jahre vergingen. Sohas Familie musste immer wieder umziehen, lebte oft tagelang in Bunkern. Es gab praktisch keine Kommunikationsmöglichkeiten. Und trotzdem behielt Soha diese Zeit in guter Erinnerung, „weil es halt auch die Zeit meiner Verlobung war“.

Beide hatten praktisch ihre gesamte Kindheit und Jugend im Krieg verbracht, Soha in Ost-Beirut, Emile in Zahle im Bekaa-Tal. Dort war er als Jugendlicher an der Seite der christlichen Milizen am Aufstand gegen die Syrer beteiligt. Als die Stadt 1981 von Syrien besetzt wurde, musste auch er nach Beirut fliehen.

Auf Verlangen Sohas distanzierte sich Emile noch vor der Verlobung von der Miliz und der Partei und fand nach seinem Studium eine Stelle in einer Firma in Aschrafieh. Soha fing ihr Studium der Politikwissenschaften und Sprachen an der Universität Kaslik, in der Nähe von Beirut, an.

 

Die Vorbereitung

Der Sommer 1988 war von einer ähnlichen Krise geprägt, wie Libanon nun seit dem Rücktritt von Präsident Emile Lahoud im November des letzten Jahres durchmacht. Damals war es die Präsidentschaft Amin Gemayels, die zu Ende ging, ohne dass sich die Fraktionen auf einen Nachfolger einigen konnten. Gemayel, heute Chef der maronitischen Phalange-Partei, übertrug wenige Stunden vor seinem Rücktritt die Macht an General Michel Aoun. Dessen Gegner ihrerseits beharrten auf ihrem muslimischen Ministerpräsidenten Selim al-Hoss, was zu einer de facto Zweiteilung der staatlichen Institutionen und der Hauptstadt führte.

Trotz der unsicheren Lage stürzte sich das junge Paar in die Hochzeitsvorbereitungen. Das Datum wurde auf den 25. Dezember festgelegt.

„Wir wussten nie, ob die Hochzeit überhaupt stattfinden würde, weil der Krieg jederzeit ausbrechen konnte. Wir hatten alle große Angst, und von Oktober bis Dezember hatte ich diesen wiederkehrenden Albtraum: Ich träumte von der Hochzeit, doch immer fehlte etwas; manchmal war es Emile, manchmal die Gäste, manchmal das Kleid.“

Am Montagabend der Woche vor der Hochzeit rief Emile Soha an und sagte ihr, dass er sehr müde sei und erst am nächsten Tag vorbeikommen werde. Sie versprach ihm, vor der Universität auf ihn zu warten. Doch als die Vorlesungen zu Ende waren, tauchte Emile nicht auf.

„Ich rief bei Emile an, und seine Mutter sagte mir, dass er noch nicht nach Hause gekommen sei. Dann versuchte ich es in seiner Firma, doch auch dort wusste niemand, wo er war. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Denn wir lebten damals in einer Atmosphäre, in der junge Menschen regelmäßig spurlos verschwanden. Obwohl noch kein wirklicher Krieg herrschte, war die Sicherheitslage sehr prekär. Wenn jemand nicht nach Hause kam, musste man immer mit dem Schlimmsten rechnen. Es gab während dieser Zeit zahlreiche Bomben, Anschläge, Verbrechen. Weil die Sicherheitsleute die Verantwortlichen meistens nicht fanden, verhafteten sie irgendjemanden und zwangen diese Leute, ein Geständnis zu unterschreiben. Als Bürger befanden wir uns dadurch in ständiger Angst vor der Willkür der Milizen.

Wir suchten verzweifelt nach einer Spur. Emiles Firma hatte Verträge mit Unternehmen in Ost-Beirut, und so wussten wir nicht einmal, auf welcher Seite der Stadt er sich aufgehalten hatte. Ich weinte die ganze Nacht, und auch meine Familie war beunruhigt.

Die Nacht verging, ohne dass wir etwas von ihm hörten. Am nächsten Tage kamen die ersten Besucher mit Geschenken und wollten uns zur bevorstehenden Hochzeit gratulieren. Ich kann mich noch erinnern, wie das Telefon andauernd läutete: Die Leute vom Kleidergeschäft riefen an, um mir mitzuteilen, dass mein Hochzeitskleid bereit zum Abholen sei. Der Coiffeur, das Blumengeschäft meldeten sich, es war ein riesiges Durcheinander.“

 

Die Ungewissheit

Soha und ihre Familie durchlebten schlimme Tage. Emile blieb spurlos verschwunden und niemand wusste etwas über sein Schicksal. Trotzdem warteten sie bis zwei Tage vor der Hochzeit, bevor sie sich entschieden, die Gäste zu benachrichtigen und das Fest zu annullieren.

„Die Geschichte war ein Skandal in Aschrafieh. Wenn ich auf die Straße ging, drehten sich die Nachbarinnen nach mir um und flüsterten: ,Das ist also die Unglückliche.‘ Am Tag meiner Hochzeit schaute ich ständig auf die Uhr. Um vier Uhr, der Zeit, zu der die Trauung hätte stattfinden sollen, hörte ich, wie Autos unser Haus umkreisten und hupten, wie es bei einer Hochzeit üblich ist. Es war, als ob sich gewisse Leute über mich lustig machen wollten.“

Im Januar kam es zu ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Armee unter General Aoun und den Milizen seines christlichen Rivalen Samir Geagea, den Forces Libanaises. Nach heftigen Gefechten in Ost-Beirut und den angrenzenden Gebieten mit über 50 Todesopfern einigten sich die Konfliktparteien wenige Tage später auf einen Waffenstillstand. Bei der folgenden politischen Vereinbarung sicherte sich General Aoun die Kontrolle über den Hafen von Beirut und weitere wirtschaftlich wichtige Positionen. Gestärkt durch seinen Sieg über die christlichen Milizen, verhängte Aoun im März eine Meeresblockade über die illegalen Häfen in West-Beirut, die vornehmlich von den syrien-freundlichen muslimischen und drusischen Milizen kontrolliert wurden.

„Während der ersten vier, fünf Monate nach dem Verschwinden Emiles getrauten wir uns kaum mehr aus dem Haus. Wir wurden wie Verräter behandelt. Mein Vater hatte überhaupt nichts mit Politik zu tun, er handelte mit Autoteilen. Meine Brüder waren in der Schule. Wir konnte alle nicht verstehen, was mit uns passierte. Die Leute, sogar die Verwandten, mieden uns in der ersten Zeit. Wir waren eine Familie, die ihren guten Ruf verloren hatte.“

 

Der Krieg

Als syrische Verbände als Antwort auf die Meeresblockade die christlichen Wohnquartiere in Ost-Beirut bombardierten, erklärte General Aoun im März 1989 Syrien den sogenannten „Befreiungskrieg“. Bei den folgenden gegenseitigen Bombenangriffen und Gefechten kamen insgesamt mehr als 1000 Menschen ums Leben, über eine Million Menschen wurden aus der Stadt vertrieben.

Auch Sohas Familie war gezwungen, Beirut zu verlassen und erneut nach Jounieh zu ziehen. Im Gegensatz zu früheren Kriegen waren jetzt keine christlichen Gebiete mehr sicher. Sohas Familie saß während dieser Zeit tagelang in Bunkern fest. Emiles Bruder hielt es im Libanon nicht mehr aus und entschied sich, das Land zu verlassen und nach Kanada auszuwandern. So verloren sich die beiden Familien definitiv aus den Augen.

„Ich musste mich damit abfinden, dass Emile verschwunden war, aber ich wusste nicht, wohin und mit wem. Ich sah keinen Grund, warum Emile verhaftet, entführt oder sogar getötet worden sein könnte. Immer wieder hörten wir Gerüchte, dass er Bomben gelegt oder mit Drogen gehandelt habe, dass er mit den Palästinensern kämpfe oder zum syrischen Geheimdienst gehöre. Aber weil sich die Geschichten stets widersprachen, konnte ich nichts von alledem glauben.“

Trotz internationaler Vermittlungsversuche und Appelle hielten die Gefechte an. Erst im September 1989 einigten sich Aoun und Syrien auf einen Waffenstillstand, der schließlich in ein Treffen der verfeindeten libanesischen Parteien in Taëf, Saudi-Arabien, mündete. Der dabei verabschiedete Friedensvertrag, das sogenannte Taëf-Abkommen, dient heute noch als Basis für das politische System des Libanon. Doch entgegen General Aouns Vorstellungen wurden die syrischen Truppen darin nicht zum vollständigen Rückzug aufgefordert, und Aoun verweigerte seine Unterschrift unter das Dokument.

Der Milizenführer Samir Geagea hatte im Befreiungskrieg eher widerwillig an Aouns Seite gegen die syrischen Besatzer gekämpft. Doch jetzt vermied er es, Position für Aoun zu ergreifen. Im Januar 1990 erklärte Aoun öffentlich, dass er Geageas Milizen entwaffnen wolle. Ein Tag später brach der „Bruderkrieg“ zwischen den beiden christlichen Fraktionen aus. Die nachfolgenden Kämpfe kosteten über 900 Menschen das Leben. Erneut mussten 100.000 Menschen aus den christlichen Gebieten flüchten, über 200.000 verließen das Land. Im Mai einigten sich Aoun und Geagea auf einen Waffenstillstand.

Derweil verstärkte die Regierung die wirtschaftliche Blockade der Gebiete unter Aouns Kontrolle. Und auch die internationale politische Situation entwickelte sich zu dessen Ungunsten. Nach der irakischen Invasion in Kuweit im August 1990 erhielt Syrien im Gegenzug für seine Unterstützung der US-Offensive gegen Bagdad inoffiziell grünes Licht für die erneute Besetzung Libanons. Aoun wurde durch einen syrischen Luft- und Bodenangriff auf den Präsidentschaftspalast zur Flucht in die französische Botschaft gezwungen. Von dort flüchtete er zehn Monate später nach Frankreich ins Exil.

 

Leben ohne Emile

„Danach kehrte eine Art Normalität zurück. Die Universitäten öffneten ihre Tore und ich nahm mein Studium wieder auf. Ich studierte Politikwissenschaften und Deutsch und später noch Spanisch und Italienisch. Jeden Tag fuhr ich an Emiles altem Haus vorbei. Es war von einer Bombe getroffen worden und die Türen standen immer offen. Niemand hatte das Haus repariert. Ich wusste also, dass seine Familie nicht mehr im Libanon war.“

Auch von Emile selbst hatte Soha weiterhin keine Neuigkeiten. Niemand war in der Lage, eine gesicherte Information über seinen Verbleib geben. „Doch ich hatte immer das Gefühl, dass Emile noch am Leben war. Und da war dieser Traum, in dem Emile zu uns kam mit Blumen und einer Torte und zu mir sagte: ‚Warte auf mich, ich komme zurück.‘ Ich erwachte weinend und fragte mich: Wann wird das sein?“

1995 schloss Soha ihr Studium ab und begann, als Arabisch-Lehrerin zu arbeiten. Sie war bereits 25-jährig und immer noch nicht verheiratet. Der Druck der Familie auf Soha stieg von Tag zu Tag. Denn eine Frau, die in der traditionellen Gesellschaft im Nahen Osten mit 25 noch keinen Mann gefunden hat, ist nicht gut angesehen.

„Während der ersten paar Jahre hatte mich meine Familie in Ruhe gelassen. Ich ging damals an die Uni. Doch nun fingen sie an, Fragen zu stellen: ,Wieso ist sie noch ledig, wieso verschwendet sie ihr Leben für jemanden, von dem niemand weiß, wo er ist?‘, hieß es.“

Im Mai desselben Jahres machte Soha die Bekanntschaft eines Zahnarztes. Dieser hatte ein Foto der jungen Frau gesehen und wollte sie kennenlernen. Doch Soha zeigte keinerlei Interesse, bis sich die ganze Familie und die Nachbarn in die Angelegenheit einmischten. „Das ist deine letzte Chance, er ist eine gute Partie, ein Zahnarzt, was willst du Besseres?“, sagten sie.

Schließlich gab Soha dem Druck nach. „Doch immer verglich ich die beiden Männer. Ich konnte Emile einfach nicht vergessen.“

Im März 1997 fiel sie in eine Depression. „Ich schlug mir auf den Kopf und schrie: ‚Ich kann nicht mehr so weitermachen.‘ Erst da willigte die Familie in die Trennung ein. Was die Sache für mich noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass ich nun bereits zweimal verlobt war. Das schmerzte mich. Ich wollte es nicht noch einmal versuchen. Mein Gefühlsleben, der Traum, eine Familie zu gründen, waren zu Ende.“

 

Der Anruf

Wenige Monate später, im November 1997, wurde Soha von ihren Studentinnen gefragt, wieso sie denn noch nicht verheiratet sei. Sie sei doch eine schöne, junge Frau und werde sicher von den Männern begehrt. Und so kam es, dass Soha zum ersten Mal ihre Lebensgeschichte erzählte.

„Meine Studentinnen waren sehr bewegt von der Geschichte und bedauerten den tragischen Ausgang. Und dann, genau zu dem Zeitpunkt, als ich die Erzählung beendet hatte, läutete mein Handy. Ich hatte eigentlich die Angewohnheit, das Telefon während des Unterrichts auszuschalten. Und nie beantwortete ich Anrufe während der Stunde. Meine Studentinnen beharrten aus irgendeinem Grund darauf, dass ich den Anruf entgegennähme. Also antwortete ich und – mir stockte der Atem: Da war Emiles Stimme, die sagte: ‚Soha, ana hon bi Lubnen – Soha, ich bin im Libanon.‘

Während mindestens dreißig Sekunden war ich wie gelähmt. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Es war ohne Zweifel seine Stimme, vielleicht ein bisschen männlicher als früher, als wir das letzte Mal zusammen gesprochen hatten. Er war damals 23 Jahre alt gewesen, jetzt war er 32 und ich 27. Neun Jahre, seit neun Jahren waren wir getrennt.

Ich sagte: ‚Emile?‘ Und er sagte: ‚Ja, ich bin es. Ich möchte dir eine Frage stellen: Bist du verheiratet?‘

Ich antwortete: ‚Nein.‘ Und er fragte: ‚Liebst du mich noch?‘ Und ich sagte ohne eine Sekunde nachzudenken: ‚Ja.‘

Emile: ,Ich möchte dich heute sehen.‘

Soha: ‚Gut. Ich bin um 17 Uhr mit dem Unterricht fertig.‘

Dann beendete ich den Anruf. Meine Studentinnen sahen, dass ich bleich geworden war, und fragten: ‚Wer war das?‘ Und ich sagte leise: ‚Das war er.‘

‚Er‘, schrieen sie, und wir fingen an, uns zu umarmen, zu lachen, zu weinen – zwölf Frauen und ich. Niemand blieb an seinem Platz. Es war unglaublich. Wer hätte sich das vorstellen können, dass wir uns nach neun Jahren der Trennung wiedersehen würden, und er liebte mich noch und ich liebte ihn und er war nicht verheiratet und ich auch nicht.

Wir hatten uns für fünf Uhr verabredet. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Ich hatte kalte Hände, ich zitterte, mein Herz schlug heftig. Ich kam beim Treffpunkt an, und da sah ich Emile, wie er aus einem Geschäft kam. Niemand kann sich vorstellen, was in uns vorging. Es war, als hätte jemand in unserem gemeinsamen Leben die Pausentaste gedrückt: Und danach ging es am selben Ort weiter – wie wenn es diese neun Jahre nicht gegeben hätte. Wir hatten beide Tränen in den Augen. Ich fragte ihn, was passiert war, und er erzählte mir seine Geschichte.“

 

Emile

Emile erhielt am besagten Tag im Dezember 1988 einen Anruf eines Mitgliedes einer libanesischen Milizengruppe, das ihn zu einer Tasse Kaffee einlud. Emile fragte den Anrufer, ob es ein Problem gebe. Doch der Mann versicherte ihm, dass sie lediglich dabei seien, frühere Milizionäre zu befragen, um ihre Listen zu aktualisieren. Dazu seien sie auf seine Hilfe angewiesen, weil er als Junge in Zahle Mitglied bei den christlichen Milizen gewesen sei. Emile ging also zum Hauptgebäude der Milizen, musste sich identifizieren und wurde danach in den Keller zu den Spezialtruppen geführt.

„Man hatte mich bereits erwartet. Ein Mann sagte mir, ich sei verhaftet und ich müsse die Handschellen anziehen. Ich weigerte mich. ‚Was habe ich getan?‘, fragte ich. Doch fingen sie an, mich zu schlagen, und legten mir die Handschellen mit Gewalt an. Danach verfrachteten sie mich in ein Auto und fuhren mit mir eine Stunde in die Berge. Es war bereits dunkel, als wir ankamen. Ich erkannte den Ort, es war das Hauptquartier der Geheimdienste der Milizengruppe. Dort wurde ich in eine Zelle gesteckt.

Gegen vier oder fünf Uhr brachten sie mich zum Verhör. Sie beschuldigten mich, ein Milizenführer zu sein, und wollten wissen, was ich vorhabe.

Ich beteuerte, ich sei ein normaler Bürger, der demnächst heiraten wollte, mit einer Arbeit bei einer Telekommunikationsfirma. Doch sie glaubten mir nicht und schlugen erneut auf mich ein. Es waren vier oder fünf Männer. Sie traktierten mich mit Fäusten, mit Füßen, mit Plastikschläuchen. Ich schrie: ‚Ich habe nichts getan, ich bin unschuldig‘, doch sie hörten nicht auf. Sie zogen mich aus und folterten mich mit Stromschlägen. Das erste Verhör dauerte ungefähr zwei Tage.“

 

Die Gefangenschaft

Danach wurde Emile nach Beirut gebracht, ins Hauptquartier der Milizen. Seine Peiniger steckten ihn erneut in eine Zelle, ohne Elektrizität und sanitäre Anlagen.

„Ich war alleine in dem Raum, aber ich hörte die Schreie von anderen Gefangenen. Es gab einen regelmäßigen Tagesablauf: Ich wurde dreimal pro Tag geschlagen und gefoltert. Mein ganzer Körper war blau. Einmal hängten sie mich mit den Handschellen an ein Holzkreuz, ein anderes Mal traktierten sie mich mit Stromschlägen. Und in der Zelle leuchteten sie mir unablässig mit Scheinwerfern ins Gesicht.“

Nach vier Monaten wurde Emile krank, hatte innere Blutungen im Magen und erbrach Blut. Sein Zustand zwang die Milizionäre, ihn ins Spital zu bringen. Doch auch dort wurde er ständig bewacht und hatte keine Möglichkeit, irgendjemanden zu kontaktieren. Es wurde ihm verboten, sich im Spital mit seinem richtigen Namen anzumelden. Obwohl seine Kleider zerrissen waren, wagten die Ärzte nicht, etwas zu sagen.

Emile verlor während der ersten sechs Monate im Gefängnis fast 30 Kilogramm an Körpergewicht. Trotz der Behandlung im Spital wurde sein Gesundheitszustand immer schlimmer.

Da entschieden die Milizionäre, ihn in eine größere Zelle zu verlegen.

„Wir waren vielleicht 40 Insassen auf einem Raum von vier mal vier Meter. Das war fast noch schlimmer als in der Einzelzelle. Wir erhielten alle 24 Stunden ein Stück Brot und ein Glas Wasser. Ich wurde weiterhin regelmäßig geschlagen, manchmal zum Zeitvertreib, wenn die Soldaten nichts zu tun hatte. Ich war von der Außenwelt fast komplett abgeschnitten. Lediglich meine Mutter konnte mich dreimal besuchen. Doch sie hatte jeden Kontakt zu Sohas Familie verloren.“

Das Gefängnis befand sich in Beirut in der Nähe des Hafens. Eines Nachts wurde Emile geweckt und ans Meeresufer gebracht.

„Sie sagten mir: ‚Wir haben uns entschieden, dich zu töten.‘ Ein Bewacher setzte mir eine Pistole an den Kopf und drückte den Abzug. Doch es war keine Kugel in der Trommel. Danach schlugen sie mich zu Boden. Von diesem Moment an hatte ich Gedächtnislücken. Ich konnte mich nicht einmal mehr an meinen Geburtstag erinnern und ich vergaß alle Telefonnummern.“

Nach neun Monaten sah Emile zum ersten Mal wieder die Sonne. Er und seine 40 Mitgefangenen erhielten das Recht auf eine Viertelstunde Tageslicht pro Tag. Als Anfang 1990 der Krieg zwischen der libanesischen Armee von General Aoun und dem christlichen Milizenführer Geagea ausbrach, wurde Emile aus Sicherheitsgründen wieder ins Gefängnis des Geheimdienstes in die Berge gebracht.

„Da ich von allen Gefangenen am längsten in Haft saß, erhielt ich gewisse spezielle Aufgaben. Mir wurde eine ‚offene Zelle‘ zugeteilt: Ich konnte mich auf dem ganzen Gelände frei bewegen. Und ich war dafür verantwortlich, den anderen die Haare zu schneiden oder Lebensmittel zu verteilen. Ich musste die Mitinsassen von der Zelle zu den Befragungen begleiten. Was mir heute noch zu schaffen macht und was ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde: Ich sah, wie unschuldige Männer zu Tode gefoltert wurden. Und ich fragte mich ständig: Wieso? Wieso das alles?“

 

Im Exil

Nach zwei Jahren Gefangenschaft kam eines Morgens im Sommer 1990 einer der Verantwortlichen zu Emile und sagte: „Du bist frei, unter der Bedingung, dass du nie mehr das Gebiet der gegnerischen Partei betrittst und nicht mit ihr kommunizierst.“ Außerdem solle er noch am selben Abend nach Zypern deportiert werden.

„Wir wurden zum Hafen von Jounieh geführt, vielleicht zehn Minuten von dem Ort entfernt, wohin Sohas Familie geflüchtet war. Dort stiegen wir in ein Boot. Ich sehe noch heute dieses letzte Bild von Beirut vor mir. Ich hatte Tränen in den Augen und konnte nicht verstehen, was mit mir passiert war, warum ich in dieser Welt war, in der ich niemanden mehr hatte. Ich hatte immer die Hoffnung, dass ich freigelassen würde. Doch jetzt musste ich alles verlassen, was ich kannte, mein ganzes Leben, meine Heimat.“

Auf Zypern angekommen, erhielt Emile von den Sicherheitskräften eine Aufenthaltsbewilligung für zwei Monate. „Ich hatte keinen Pass, kein Geld, nichts. Und ich war psychisch am Ende. Zwei Jahre meines Lebens hatte ich verloren, wurde gefoltert und gequält, ohne zu wissen, warum. Das kann ich nie mehr vergessen.“

Emile blieb sechs Monaten auf Zypern. Er arbeitete illegal bei Bauern und in Restaurants. Schließlich gelang es ihm, die Telefonnummer seines Bruders in Kanada ausfindig zu machen. Dieser bezahlte ihm das Flugbillet, und Emile konnte Zypern verlassen. Er blieb eine Weile in Kanada, bis er eine Stelle in Westafrika fand.

„Ich sagte mir, dass ich einen Neuanfang versuchen musste. Doch das war nicht einfach. Ich hatte Soha nie vergessen, aber ich hatte Angst davor, zu erfahren, dass sie mit einem anderen Mann verheiratet war.“ Da Sohas Familie während des Krieges immer wieder umgezogen war und ständig ihre Telefonnummer gewechselt hatte, wusste er auch nicht, wie er sie erreichen könnte.

Emile arbeitete sich zum Abteilungsleiter einer Informatik-Firma empor, konnte sich ein gutes Leben leisten und reiste viel, aber er gab sein Geld auch aus.

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich Soha heiraten und mit ihr eine Familie gründen würde, wäre ich während dieser sieben Jahren vorsichtiger mit meinem Geld umgegangen. Heute bereue ich das. Doch damals hatte das Leben für mich keinen Sinn mehr, ich lebte von Tag zu Tag, dachte nicht an morgen.“

 

Die Rückkehr

Eines Tages erfuhr Emile, dass seine Mutter an Magenkrebs erkrankt war. Die Ärzte hatten ihr Leiden so spät bemerkt, dass sie wenige Wochen später starb.

Emile entschied, in den Libanon zurückzukehren, um eine Gedenkmesse abzuhalten. Doch er wollte nur eine Woche bleiben. Er lebte bei seinem Onkel und traf die nötigen Vorbereitungen.

Zwei Tage vor Emiles Abreise besuchte der Onkel seinen Cousin in einem Beiruter Vorort. Vor dessen Haus stieß er zufälligerweise auf Sohas Bruder. Dieser fragte: „Wie geht es Emile und seiner Mutter?“ Als der Onkel ihm erklärte, dass Emile nach dem Tod der Mutter für einige Tage in den Libanon gekommen sei, sagte Sohas Bruder: „Hier ist die Telefonnummer von Soha. Gib sie Emile und sage ihm, er solle anrufen.“

„Während meines Aufenthalts im Libanon ging ich mehrere Male zum früheren Haus von Soha, um zu sehen, ob sie immer noch da war. Aber das Haus war leer, und ich getraute mich ehrlich gesagt nicht, weiter zu suchen, weil ich mich davor fürchtete, herauszufinden, dass sie mit jemand anderem lebte. Denn ich hatte dieses Gefühl, dass ich durch die zwei Jahre Gefängnis mein Leben verloren hatte, meine Liebe, die meine Frau fürs Leben hätte werden sollen. Ich wünschte ihr von ganzem Herzen ein wunderschönes Leben, dass sie glücklich sei mit der anderen Person, mit der sie verheiratet ist.“

Als Emiles Onkel nach Hause kam, sagte er zu Emile: „Ich habe eine Neuigkeit für dich. Hier ist eine Telefonnummer. Ruf sie an.“ Emile fragte: „Aber wer ist das?“ Und der Onkel antwortete: „Es ist Soha.“

„Mein Herz fing an zu rasen, ich wusste nicht, ob ich sie anrufen sollte. Ich wollte es zwar, aber was würde ich zu hören kriegen? Ich fühlte mich irgendwie auch schuldig, weil ich Soha und der Familie indirekt Schaden zugefügt hatte. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf. Doch ich überwand meine Ängste und wählte die Nummer. Es war das Schicksal, das uns getrennt hatte. Das Schicksal sollte entscheiden.

Wir trafen uns am gleichen Tag. Soha war noch schöner, als ich sie in Erinnerung hatte. Wir aßen in einem romantischen Restaurant und entschieden noch an diesem Abend, Ende des Jahres zu heiraten.“

 

Die Hochzeit

Spätabends kehrten die beiden zu Sohas Elternhaus zurück.

Soha: „Wir erzählten uns gegenseitig, was wir während neun Jahren erlebt hatten, wir weinten, wir lachten. Es war unbeschreiblich. Meine ganze Familie war hier im Haus. Sogar meine Brüder, die ich in meinem ganzen Leben nie weinen gesehen habe, hatten Tränen in den Augen. Sie alle hatten Emile immer gern gehabt.“

            Emile: „Ich wollte noch einmal nach Afrika zurückkehren und erst danach wieder kommen. Doch Soha bat mich, zu bleiben. ‚Dieses Mal lasse ich dich nicht mehr gehen‘, sagte sie.“

Und so erhielten die Gäste, die bereits einmal zu Sohas und Emiles Hochzeit eingeladen waren, neun Jahre später eine Karte mit den gleichen Namen, für die gleiche Hochzeit, zwei Tage vor Weihnachten.

Als sich das Paar vor der Hochzeit beim Priester vorstellte und dieser wie üblich gewisse Frage stellte, um sich zu vergewissern, dass sich die beiden auch wirklich sicher waren, antwortete Emile: „Hören sie zu, mon père, wir erzählen Ihnen jetzt unsere Geschichte.“ Der Priester war so gerührt, dass er auf der Stelle eine Flasche Whiskey und drei Gläser unter seinem Tisch hervorholte. Und er wiederholte die Geschichte später bei der Trauung.

 

Keine Gerechtigkeit

Soha: „Ich glaube ans Schicksal, denn dieses hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt. Der Zahnarzt und ich sollten uns im September des Jahres verheiraten, in dem Emile zurückkam. Wenn ich die Beziehung im März 1997 nicht beendet hätte, dann hätte ich Emile nach achteinhalb Jahren des Wartens um einige Monate verpasst.“

Der Zahnarzt wurde ein Freund der Familie. Soha und Emile sind seit zehn Jahren verheiratet und haben heute vier Kinder. Vor einem Jahr kam mit Patrick ihr erster Sohn zur Welt. Und seit der Hochzeit haben auch Sohas Albträume aufgehört.

Emiles Körper ist immer noch von den Spuren der Misshandlungen gezeichnet. Noch Jahre nach der Freilassung plagten ihn Albträume. Die Tage, Wochen, Monate in einer Zelle ohne Tageslicht führten dazu, dass er bis heute nicht ohne Licht einschlafen kann. Das Schlimmste aber ist das Gefühl, eines Teils des Lebens beraubt worden zu sein, ohne je Gerechtigkeit zu erfahren.

Soha: „Wir, die gelitten haben, können diese Zeit nicht vergessen. Dass Emile noch am Leben ist, ist ein Wunder. Doch die Verantwortlichen, die heute noch an der Macht sind, weigern sich, von der Vergangenheit zu sprechen. Wer einmal zu solchen Taten fähig war, wird es auch ein zweites Mal sein. Wenn wir in einem richtigen Staat leben würden, könnten wir eine Klage einreichen, mit einem unabhängigen Richter. Warum hat Emile zwei Jahre seines Lebens verloren, warum musste er so viel leiden? Doch wir wagen nicht, uns zu wehren. Denn wir sind noch nicht in Sicherheit. Gegen wen sollen wir klagen? Gegen die Milizen? Das ist nicht möglich. Die sind immer noch an der Macht, in der Regierung. Wir träumen von einem laizistischen, unabhängigen Staat.“

 

Nachtrag

Ich war dreimal zufälligerweise in Sohas und Emiles Wohnung im östlichen Beiruter Stadtteil Sin el Fil, als Bombenanschläge auf libanesische Politiker verübt wurden. Der eine, bei dem der Abgeordnete Antoine Ghanem und fünf weitere Menschen ums Leben kamen, ereignete sich in der unmittelbaren Nachbarschaft, und ich erlebte persönlich, was es heißt, wenn Menschen in einem Land ständig mit dem Schlimmsten rechnen müssen, weil das Schlimmste hier immer wieder passiert.

Soha hatte ihren Bruder an diesem Vorabend gebeten, doch schnell ein Buch in einer Buchhandlung in der Nähe umzutauschen, weil sie zu beschäftigt war. Kaum zehn Minuten, nachdem der Bruder das Haus verlassen hatte, ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Soha wusste instinktiv, dass es sich um eine Bombe handelte. „Enfijar, enfijar (Explosion, Explosion)“, rief sie und atmete schwer. Wir stürmten auf den Balkon, um zu sehen, wo sich die Explosion ereignet hatte. Als wir rund einen Kilometer entfernt schwarzen Rauch über den Hochhäusern sahen, brachen Soha und ihre Mutter in Panik aus. Denn genau dort befand sich der Buchladen. Und auch Emile hatte in einem Restaurant in der Nähe immer wieder Kundengespräche. Soha war einem Nervenzusammenbruch nahe. Das Fernsehen strahlte bereits erste unzensierte Bilder des Anschlags aus, und diese verhießen nichts Gutes. Verkohlte Körper, schreiende Verletzte, dutzende ausgebrannte Autos.

Wie immer bei Bombenanschlägen in Beirut bricht nach wenigen Minuten praktisch das gesamte Telefonnetz zusammen. Bange Minuten des Wartens begannen. Dann, nach einer endlos langen Viertelstunde, endlich das erlösende Klingeln an der Tür: Emile war zu Hause. Und wenig später kam auch der Vater. Doch noch immer fehlte die Bestätigung, dass dem Bruder nichts Schlimmes passiert war. Soha machte sich ständig Vorwürfe. Sie hatte ihn zum Buchladen geschickt, sie würde sich für immer für dessen Tod verantwortlich fühlen.

Weitere Nachrichten trafen ein, von Bekannten, die mit dem Bruder gesprochen hatten. Doch das alles vermochte die Familie nicht zu beruhigen. Bis nach eineinhalb Stunden endlich der erlösende Anruf kam. Soha seufzte: „Wer weiß, vielleicht ist unsere Geschichte noch nicht zu Ende.“ Und in Momenten wie diesen will sie nur noch eines: Raus aus diesem Land, irgendwohin, wo sie, Emile und ihre Kinder in Frieden leben können.

Benno Lichtsteiner, Beirut, Juni 2008

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